Programm: Recollecting the Act. Zur Tradierung von Performancekunst

Eine transdisziplinäre Tagung mit Vorträgen, Präsentationen und Live-Performances zur Überlieferung und Weiterschreibung von Performancekunst

Donnerstag, 6. Oktober 2011

19.00: Empfang, Begrüssung
Prof. Dr. Sigrid Schade,
Kulturwissenschaftlerin, Leiterin: Institute for Cultural Studies in the Arts, Zürcher Hochschule der Künste, Zürich

19.00 – 23.00: (Dauer-)Performance (Ausstellungsraum Klingental)
Gaspard Buma,
Künstler, Lausanne

peak-witness.org
 The modus operandi of the performance is simple: the performer is in a room in which one member of the audience can enter at a time. The performer and the audience member first negotiate an action/performance/gesture/speech to make. While this will be carried out, there is no recording (video, sound) of whatever happens inside the room between the performer and the visitor. Therefore the only trace of the performance is in the memories of the performer and the visitor. The visitor is encouraged to affabulate on what happened inside the room to further blur any possible external knowledge.For 5 years after the event, the performer cannot talk or publish information on what happened inside the room. Years later, the performer will publish a book in which he gives his testimony of the actions.

19.45: Eröffnungsvortrag
Prof. Dr. Uwe Wirth,
Medienwissenschaftler, Universität Giessen

Performative Indexikalität

Performancekunst, so lautet die landläufige Auffassung, überwindet eine Kunstideologie, der zufolge nur dauerhafte, werthaltige, beliebig wiederholbare und verkäufliche Objekte, wie Gemälde und Skulpturen, oder aber Objekte mit Werkcharakter – publizierte Theaterstücke oder Literatur – den Geltungsanspruch ‚Kunst‘ erheben dürfen.
Doch sowohl mit Blick auf Performance-Kunst als auch mit Blick auf Literatur muss man sich fragen: Was passiert, wenn man sie in einen musealen Kontext versetzt? Lässt sich Performance-Kunst, lässt sich Literatur ausstellen? Was stellt man da eigentlich aus? Fragen die sich, wie ich denke, auch auf ein Archiv für Performance-Kunst übertragen lassen.
Von der Wortbedeutung her ist man schnell dabei zu sagen: Ausstellen heißt, ein Objekt vorzeigen und in Szene setzen. Damit ist nicht nur der performative Charakter von Ausstellungen angesprochen, sondern auch ihre Indexikalität: Das Vorzeigen von Objekten im musealen Kontext als deiktische Geste und performativer Akt: Sieh hin!, Hier!, aber auch als selbstreferentieller Hinweis darauf, wie man Museumsdinge oder Archivdinge ausstellt: In diesem Fall erscheint das Vorzeigen von Objekten im Modus einer performativen Indexikalität, die die Rahmenbedingungen des Ausstellens mit thematisiert.
In meinem Vortrag möchte ich – ausgehend von dem Phänomen Literaturausstellung – der Frage nachgehen, wie sich die unterschiedlichen Formen des Vorzeigens, mit denen man es im Rahmen von Ausstellungen zu tun hat, beschreiben lassen.

Diskussion und Fragen

21.30 – 22.00: Live-Performance
Lindy Annis mit Joséphine Evrard,
Tanz-/Theaterschaffende, Berlin

The Body Archive: Encyclopedia of Tragic Attitude, part 2: the feminine figures

Jeder Körper hat eine Geschichte und ein Gedächtnis. Seine Erinnerungen verschwinden nicht, sondern lagern sich ab, werden gespeichert. In ihrer jüngsten Arbeit untersucht Lindy Annis das kulturelle Gedächtnis anhand des Körpers einer Frau.
Nach „The Encyclopedia of Tragic Attitudes, part I“ (2002), geht es Lindy Annis im zweiten Teil „the feminine figures“ ausschließlich um weibliche Figuren. Gemeinsam mit der Tänzerin Joséphine Evrard erforscht sie ikonografische Körpergesten aus der Antike und wie diese mitsamt ihrem existenziellen Pathos bis heute weiterleben. Anhand Darstellungen aus der antiken Kunst und aus Schriften (Mythen, Erzählungen) betrachtet das Stück die Figur der Frau, ihre Verbildlichung und Rezeption durch die Jahrhunderte.
Credits: Konzept und Performance: Lindy Annis / Tanz: Josephine Evrad / Musik: Nicholas Bussmann Kostüm: Kaja Wetzel / Produktion: Barbara Greiner

Ab 22.00: Bar

Freitag, 7. Oktober 2011

archiv performativ: ein Modell – Vorträge, Präsentationen, Performances

Tagesmoderation: Monika Gysel, wiss. Mitarbeiterin, Institute for the Performing Arts and Film, ZHdK, Zürich

10.00 – 10.40: Einführung und Ergebnisse des Forschungsprojekts und Bericht zum Forschungsinteresse im Modellarchiv
Pascale Grau,
Künstlerin, Kulturwissenschaftlerin, Basel, Projektleiterin SNF/DoRe FP archiv performativ ICS, ZHdK, Zürich

archiv performativ –
das DoRe/SNF Forschungsprojekt / Videoaufzeichnung versus Live-Act
Performancekunst muss spätestens seit dem ‚performativ turn‘ als eine Erinnerungspraxis verstanden werden, die ein vertieftes Nachdenken über ihre Dokumente und Dokumentationen nötig macht. Dies erfordert eine Auseinandersetzung mit Archiv- und Sammlungspraxen und einen differenzierten Umgang mit Dokumenten und Artefakten. Als Initiatorin und Leiterin des DoRe/SNF –Forschungsprojektes archiv performativ werde ich die verschiedenen Phasen und Schritte des Projektes nachzeichnen und von Zwischenergebnissen berichten: Mittels einer Umfrage und Interviews in Sammlungen und mit potenziellen Nutzer/innen wurden Daten erhoben und daraus provisorische Kriterien entwickelt, die in ein exemplarisch aufgebautes Modellarchiv einflossen. Auf welche Weise Tradierung von Performancekunst im Wechselverhältnis ihrer Dokumentation und Weiterschreibung möglich ist, wurde dort mit künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden einen Monat lang erprobt. Der zweite Tag der Tagung (Fr. 7.10.) ist den Ergebnissen und Überlegungen von verschiedenen Akteur/innen, die im Modellarchiv gearbeitet haben, gewidmet. Mein eigenes Forschungsinteresse werde ich anhand zweier Projekte vorstellen, die beide mit dem Artefakttyp Videoaufzeichnung als Auslöser von Erinnerungen zu tun haben.

10.40 – 11.10: Vorträge und Präsentationen aus dem Modellarchiv
Irene Müller,
Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin, wiss. Mitarbeiterin ICS, ZHdK, Zürich

Ohrenzeugen | Augenwürmer. Ein Erfahrungsbericht aus dem Modellarchiv
Neben der (audio-)visuellen Überlieferung von Performancekunst in Form von Fotos oder Videos existiert auch die Tradition der Berichterstattung oder Erzählung. Daneben bringt aber jede Performance auch eine Form der akustisch wahrnehmbaren Spur mit sich. Was passiert, wenn man eine Performance zu hören bekommt, ohne erklärende oder visuelle Unterstützung. Und was wiederum können Bilderabfolgen über den Klang einer Performance erzählen? Warum dies zum Thema wurde und welche ersten Überlegungen aus diesen Fragen resultieren, wird in dem Vortrag «Augenwürmer | Ohrenzeugen» kurz umrissen.

Margarit von Büren, Kulturwissenschaftlerin, Luzern, wiss. Mitarbeiterin ICS, ZHdK, Zürich

Performing the archive. Ein Modell zur Weiterschreibung von Performance Kunst

Dokumentationen und Artefakte im Archiv erhalten über ihre Überlieferung und Weiterschreibung eine neue Präsenz aber auch Brisanz. Ein Archiv entsteht durch Auswahl, welche auch immer Leerstellen schafft. Das von uns ausgewählte und aufbereitete Material aus dem Archiv des Kaskadenkondensators in Basel war das exemplarische Ausgangsmaterial für die Forschenden im Modellarchiv (Ausstellungsraum Klingental). Anhand der Ergebnisse der ersten Forschungsgruppe thematisiere ich eine mögliche Weiterschreibung und Bearbeitung von Dokumentationen und Artefakten.

Diskussion und Fragen

11.30 – 11.45: Insert 1:
Brigitte Mauerhofer,
Autorin, Basel
Lesung Textstück: Zu Sprache gefügte Sinnesregistrierungen aus dem Modellarchiv
 

11.45 – 13.00: Mittagessen

13.00 – 14.00: Vorträge und Präsentationen aus dem Modellarchiv
Katrin Grögel
, lic. phil, Kunsthistorikerin, Kuratorin, Basel

Constructing Sites Construction Site – ein Bericht aus dem Modellarchiv

Die Tradierung von situativ auf einen spezifischen Ort – sei dieser ein tatsächlicher Ort und/oder eine diskursive Verortung – bezogenen künstlerischen Arbeiten, stellt ein besonderes Problem dar. Denn die Situativität eines Ereignisses, egal ob es sich dabei um eine Live-Performance oder um ein anderes mediales Format handelt, ist vergleichbar mit einer rhetorischen Wendung, die in der Nacherzählung ihre Pointe einbüsst. Diese Akte wollen an einem Ort wirken. Sie sind selbst Fragment innerhalb von konzeptuellen, materiellen oder temporalen Einheiten; dies verbindet sie mit den Dokumenten und Artefakten ihrer Überlieferung und Fortschreibung.
Ich betrachte einen grossen Teil meiner Tätigkeit als Kunsthistorikerin und als Kuratorin von Performancefestivals als Arbeit an der diskursiven Verortung von Fragmenten und an der Konstruktion von Orten. Mein Bericht wird, ausgehend vom Beispiel eines von mir ko-kuratierten Festivals einige Fragen hinsichtlich der Tradierbarkeit von Situativität auffächern, welche den Ausgangspunkt für die Recherche im Modellarchiv bildeten. Gemeinsam mit meiner Forschungspartnerin, der Künstlerin Donna Kukama, beschäftigte ich mich dort mit der Bestimmung und Fiktionalisierung von Ortsbezügen der Archivalien im Verhältnis zur Konstruktion des Modellarchivs als Veranstaltungsort.

Diskussion und Fragen

14.00 – 14.30: Insert 2:
Ewjenia Tsanana,
Künstlerin, Hamburg
Vortrag über das Zeitempfinden

14.30 – 15.00: Insert 3:
Steffi Weismann,
Performance-/Medienkünstlerin, Berlin
LapStrap: Solo für Stimmen und mobile Audiotechnik (Version archiv performativ 2011)
 

15.00 – 15.45: Kaffeepause

15.45 – 17.00: Vorträge und Präsentationen aus dem Modellarchiv
Prof. Dr. Sabine Gebhardt,
Kunst-/Kulturwissenschaftlerin, Basel/Luzern

„Transformance“ im „Archiv Performativ“: Ermächtigungsstrategien im Rezeptionsprozess von Performance-Kunst.

Das Feld der Performance-Kunst wird – wie kaum ein anderes – beherrscht von stetig neue Ausschlüsse produzierenden Ansprüchen auf Deutungshoheit oder exklusive Quellenzugänglichkeit. Dieser Machtanspruch wird formuliert seitens der ProduzentInnen aber auch auf Seiten der Galerien, Ausstellungsinstitutionen und Archive. Dienen letztere doch oftmals als Ablagerungsorte von niemals öffentlich zugänglich gemachten Quellenmaterialen.
Im Falle der exemplarischen Aufarbeitung des von mir kuratierten Performanceanlasses „Transformance“ (13. 12. 2001) im Archiv Performativ im August dieses Jahres interessierten mich deshalb besonders kollaborative Arbeitsweisen und Strategien der Selbstermächtigung sowie des „queer“-reading. Der Umgang mit Dokumenten der Performance-Kunst wird in meiner Lecture kritisch beleuchtet, indem ich die im Archiv erprobte Übereinanderschichtung zweier Rekonstruktionsformen anhand von Beispielen vorstelle.

Prof. Dr. Verena Kuni, Kunst-/Medien-/Kulturwissenschaftlerin, Frankfurt

Staub sammeln. (Un)sichtbare Archive: Von A bis Z und wieder zurück
Collecting Dust. (In)visible Archives: From A To Z And Back Again

Wie lässt sich mit den (un)sichtbaren Archiven der Performance-Kunst arbeiten?
Der Vortrag fragt nach geeigneten Werkzeugen für die Arbeit an, in und mit einem Spannungsfeld, in dem prinzipiell jede Auseinandersetzung mit Formen kulturellen Produktionen steht, die sich aus unterschiedlichen Gründen einer dauerhaften Dokumentation bzw. einem nachträglichen Zugriff entziehen.
Kunst, die mit zeitbasierten und/oder instabilen Medien arbeitet, ist kaum oder nicht zu verdauern. Das betrifft in der Regel auch ihre Dokumentation. „Auf Dauer“ droht sie damit dem kulturellen Gedächtnis verloren zu gehen – jenem Fundament, auf das sich auch künftige kulturelle Produktionen gründen.
Wie ist mit diesem „unsichtbaren Kulturspeicher“ umzugehen? Welche Möglichkeiten gibt es, Wissen über seine Bestände zu bewahren und zu vermitteln? Bieten sich aus der Perspektive der Künste selbst Vorschläge für entsprechende Verfahren an?
Das Projekt „PerForming (In)Visible Archives“ beschäftigt sich in verschiedenen Fokusstudien mit diesen Fragen. Über die theoretische und methodische Arbeit hinaus geht es dabei auch um die Entwicklung von Vermittlungsformaten und deren praktische Umsetzung.
Im Fokus der Forschungskooperation mit dem ICS-Projekt „archiv performativ“ steht die Problematik des Umgangs mit den „(un)sichbaren Archiven“ der Performance‑Kunst, die sich aus mehreren Gründen für exemplarische methodische Überlegungen anzubieten scheint: Nicht nur ist Performance-Kunst oft nicht, schlecht und/oder in ihrerseits instabilen Medienformaten dokumentiert. Vielmehr stellt sich auch generell die Frage, inwieweit Performance-Kunst überhaupt dokumentierbar ist.

Diskussion und Fragen

17.00 – 18.00: Responding: Prof. Dr. Sigrid Schade
 

18.00 – 19.30: Abendessen

20.00 – 22.30: Live-Performances

Irene Maag, Künstlerin, Basel

Jamsession
, Irene Maag (Performance/Aktion) mit Jelena Engler (Zeichnung), Patrick Steffen (Video), Brigitte Mauerhofer (Text) und Sandra Kirchhofer (Ton)
Performance ist Dokumentation ist Performance. Dokumentation ist Performance ist Dokumentation. Auf der Performancefläche sind verschiedene (Dokumentations-) Stationen eingerichtet. Die Stationen werden im Bewusstsein bespielt, dass damit gleichzeitig performt und dokumentiert wird.
Die Videokamera filmt die Performerin, die anderen DokumentaristInnen, das Publikum. Publikum und PerformerInnen/ DokumentaristInnen verfolgen via Leinwandprojektion was gefilmt wird. Das Mikrofon zeichnet Geräusche, eigenes und von anderen Gesprochenes auf. Mit écriture automatique wird kommentiert und assoziiert. Die Zeichnungen auf der Rolle des Hellraumprojektors werden zum Schluss abgespult, werden zum Film, der alles noch einmal Revue passieren lässt.
Credits: Dank an: die DokumentaristInnen / PerformerInnen: Jelena Engler, Patrick Steffen, Brigitte Mauerhofer und Sandra Kirchhofer, Antonio Uribe y los abuelitos, LGK, HGK, FHNW

Ariane Andereggen, Künstlerin, Schauspielerin, Basel

Über die Lücken zwischen den Wörtern

Ist es das Ziel einer jeden Performance unvergesslich zu sein? Als Schauspielerin betrachte ich das Vergessen, als eine Art Mnemotechnik die es mir ermöglicht mein Erinnern überhaupt erst zu organisieren. Das geschieht durch reduzieren und unterdrücken von zu viel Information und durch die Konstruktion von subjektiven, verinnerlichten Eselsbrücken über die Lücken, die dann überall entstehen, wenn ich anfange ein Ereignis zu verdichten. Bestenfalls wuchern interessante Fußnoten in den Leerstellen, die wiederum beim Publikum das hartnäckig etwas über das Ereignis nachträglich zu erfahren wünscht, weitere Bedeutungen hervorbringen kann.
Die Frage ist, wer bestimmt was eine gelungene Erinnerung sein soll? Wie und was formt und strukturiert die Erzählung? Was ist eine Situation in der ich überhaupt Lust oder das Bedürfnis verspüre davon zu erzählen? Wie erzählt man einem Kind von einer Performance, wie einem möglichen Geldgeber oder denjenigen die selbst die Performance gemacht haben?
An einer Performance interessiert mich auch die Rezeption des Publikums als lebendes Archiv. Mit meiner Performance versuche ich als Schauspielerin über Fotografien Gesichtsausdrücke und Körperhaltung des Publikums in mein eigenes Körperarchiv aufzunehmen. Dort studiere ich diese Eindrücke und verbinde sie mit meinen eigenen Erinnerungen, um erzählend ein Ereignis zu rekonstruieren, dass möglicherweise erst jetzt oder nur in unserer Vorstellung stattgefunden hat.

San Keller, Künstler, Zürich

San Keller Show

Ein “Baum” dessen Äste Titel von San Kellers Performances bilden, ist der Ausgangspunkt für die San Keller Show. Das Publikum wählt einen Titel aus, der Performer schildert dann die entsprechende Performance. Im Rahmen der Tagung Recollecting the Act wird Keller die Performance, die 2002 zum ersten Mal aufgeführt wurde, gewissermassen reproduzieren. Er wird sie so wiederaufführen, wie er sie 2002 aufgeführt hatte, “so als wären seither keine weiteren Aktionen und Projekte realisiert worden”. (S. Keller)

ab 22.00 Bar

Samstag, 8. Oktober 2011

Tradierung von Performancekunst im Diskurs: Vorträge, Präsentationen, Performances

Tagesmoderation: Prof. Dr. Sigrid Schade
 

10.00 – 11.30: Vorträge und Präsentationen
Prof. Dr. Silke Wenk,
Kunst-/Kulturwissenschaftlerin, Oldenburg

(Un)Mögliche Vergegenwärtigungen
Zur Tradierung einer ephemeren Kunst aus einer gedächtnistheoretischen Perspektive

Der Wunsch nach authentischer Augenzeugenschaft hat bislang nahezu jedes Projekt, das um Tradierung bemüht war, im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert bestimmt. Was aus den Theorien des kulturellen oder sozialen Gedächtnisses, wie sie seit den 1980er Jahren entwickelt wurden, gelernt werden kann für die Tradierung von Performancekunst, einer Kunstform, die sich gegenüber der Institution der Kunst als widerständig erweisen wollte, ist Gegenstand des Vortrags.

Prof. Carola Dertnig, Künstlerin, Kuratorin, Wien

„1, 2, 3, 4 PERFORM, PERFORM, PERFORM“ Let´s twist again – Performance-Geschichte in Wien seit 1960 und Lora Sana, Aktionistin, 62
Carola Dertnig spricht in Reflektion ihrer eigenen performativen Produktion über das Buch „Let´s twist again” (herausgegeben von Dertnig und Seibold). Dieses handelt von historischen und zeitgenössischen Positionen der Performanceszene in Österreich und leistet damit eine erste Aufarbeitung der Geschichte dieses Mediums in den letzten vier Jahrzehnten. Fragen wie: Wo steht Performance heute, was sind die interessantesten Ansätze und Strategien, welche Querverbindungen zu anderen Kunsträumen und zu ihrer eigenen Produktion lassen sich nachvollziehen und darstellen, werden im Vortrag untersucht.

11.30 – 12.30: Paneldiskussion mit Prof. Dr. Silke Wenk, Prof. Dr. Doris Kolesch, Prof. Carola Dertnig und Irene Müller; Leitung: Annette Schindler, Kunsthistorikerin, Basel

12.30 – 13.30: Mittagessen

12.00 – 20.45: (Dauer-)Performance & Installation

Mio Chareteau, Künstlerin, Genf

DAY-3

The performance DAY-N replaces the cadence of time with a scansion that corresponds to its rhythm. The passing of seconds, usually orchestrated for the mechanical hand, is here enumerated aloud.
Twenty eight thousand eight hundred small, scanned beats resonate continuously over eight hours. While cycles repeat, the imprecision of the scansion becomes more prominent in the fold of absences. The steady repetition of the sixty seconds replaces the ‘meaning’ of the numbers with the simple sounding vibration of their intonation.
A recording device and sound installation duplicate the voice – extending a concord of amplitude between two sonorous bodies: between the timbre and its replication. The space created is reabsorbed. There is a balance of power in this oscillating interval between the voice and the uniform divisions of clock time.

13.30 – 15.00: Vorträge und Präsentationen
Annet Dekker, Kunstwissenschaftlerin, Amsterdam

What media art (documentation) can learn from performance documentation.
In the context of the interdisciplinary research Inside Movement Knowledge together with Vivian van Saaze and Gaby Wijers I was invited to explore the possibilities of developing a generic documentation model for contemporary dance by drawing from our experiences in the preservation, documentation and knowledge transfer of media art. Our main focus was to find out what we needed to know in order to be able to recreate, re-perform, or in other ways bring a performance piece into the future? We wanted to develop a methodology that would ‘capture the artist’s intention’, and provide a framework to structure this information. In capturing the work, questions that emerged were: What are the essential elements of this work (in its ‚finished‘ condition) that should be captured so that the documentation better reflects those invariable properties that make a performance what it is. How do new performers or changes in music, lights, and set design affect a performance? We also wanted to explore to what extent the methodologies developed for contemporary arts are considered useful for the overall goal of developing a model that can be used to document a performance. In this presentation I will focus on the documentation model that we developed, how it reflects strategies and methodologies from art conservation and how it served new ways of thinking about documentation of complex media art installation.

Brigitte Dätwyler, Künstlerin, Zürich

Dokumentierter Narzissmus

Ausgehend von den Arbeiten Chatroulette, Sicht auf das Original und Pleasure of Experience werden Aspekte um Sichtung und Bewertung von Live-Performances und deren Dokumentation behandelt.
Zentrales Thema dabei sind Kameraperformances, die über die Popularisierung von YouTube und Digitalkameras Einzug in den Alltag von kunstnahen und –fernen BetrachterInnen gefunden haben.
Inwiefern hat das Internet und insbesondere das Web 2.0 die Performancekunst verändert? Welche Rolle spielt die Affinität zu Technologien in Bezug auf Selbstrepräsentationen?
Neben den erwähnten Projekten, in denen die Dokumentation den Werken immanent ist, wird auch die Archivierung der Werke und damit deren Rückbindung an das Internet thematisiert.

Diskussion und Fragen

15.30 – 16.15: Kaffeepause

16.15 – 17.45: Vorträge und Präsentationen
Julia Kläring,
Künstlerin, Kuratorin, Wien

Performing Memory – ein großes Vorhaben zu den spezifischen Möglichkeiten von Performance bei der Vermittlung von Geschichte und Wissen

Das Projekt Performing Memory begann 2008 mit dem Sammeln von Interviews, Videos, Textdokumenten und Links, die laufend online veröffentlicht werden. Die Website (www.bo-ring.net) ist ein wesentliches Kommunikationsmedium des Kollektivs bo-ring, dient als offenes Archiv zur Performance-Forschung und ist Trägerin von Text-Sammlungen, Links und Online-Projekten.
Konzipiert von Julia Kläring und Virginie Bobin zwischen Wien und Paris, befasst sich das Projekt Performing Memory mit der spezifischen Möglichkeit von Performance-Kunst zur Transmission und Mediation von Geschichte. Performance, die ontologisch mit ihrem Vorher, Nachher und Wieder verbunden ist, eröffnet so Möglichkeiten historische Ereignisse und Prozesse nicht als „so war es“ zu betrachten, sondern sie immer wieder erneut in die Gegenwart zu holen. Betrachtet man die aktuellen Diskussionen um die Beziehung von Performance und ihrer Dokumentierbarkeit, um Re-enactments und Rekonstruktion, sowie die Relation von Performance zu Text- und Bildsprache, scheint vor allem die Frage wesentlich, wie KünstlerInnen Performance selbst als Werkzeug zur Vermittlung von Geschichte/n verwenden. Die Handlung selbst wird in diesem Projekt als Medium zur Verhandlung von historischen Material und Erinnerung befragt.
Aus dieser Auseinandersetzung sind bisher folgende Projekte entstanden: Performing Memory, Performance-Forum im Kunstraum Niederösterreich, 17.9.2010; Performing Memory Sessions im Rahmen der École Publique Paris, Mai – September 2010; 37 Jahre zu spät, 4teiliges Performance-Projekt in Kooperation mit Andrea Salzmann, Mai 2010 – April 2011

Dr. Heike Roms, Performancetheoretikerin, Wales/UK

What’s Welsh for Performance? Zur Archivierung der Performancekunst

Dieser Beitrag stellt ein gegenwärtiges Forschungsprojekt vor, dass versucht, sich der Archivierung und Geschichtsschreibung der Performance Kunst mithilfe performativer Ansätze zu nähern, vor allem denen der Oral History. Das Projekt bedient sich dabei unterschiedlicher Formate: öffentliche veranstaltete Oral History-Interviews mit Künstlern; Wiedervereinigungen von Künstlern, Kuratoren und Zuschauern zum Zweck geteilter Erinnerungen an ein gemeinsames Ereignis oder einen gemeinsamen Ort; Konversationen ‚vor Ort’ an Plätzen mit spezieller Bedeutung für die Geschichte der Performance Art; ‚’re-enactments’ von Performances vor ehemaligen Augenzeugen; und interaktive Installationen, die sich den Erinnerungen von Zuschauern widmen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, auf welche Art und Weise solche Ansätze archivische Zeugnisse in Szene setzen, denn selbst eine performative Aneignung von Performance-Geschichte bleibt immer auf die Artefakte des Archivs angewiesen und erzeugt im Gegenzug wiederum Artefakte, die ins Archiv einwandern.

Lilo Nein, Künstlerin, Autorin, Dozentin, Wien

performing authorship, performing text – Eine Liebeserklärung

Could we fall in love, then? Could we..? Do you like texts? Is it something analytical? Do you think language is important? Do you think you are important? Do you think art is more than language? Do you think love is more than text? Do you think I just love you because I can think you? What have you never thought before? Maybe of performing you..
Meine künstlerische und theoretische Arbeit beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Verhältnis von Text und Performance, und manchmal denke ich Text und Performance könnten sich ineinander verlieben. Ich untersuche die verschiedenen Verhältnisse, in welche die beiden zueinander treten und welche Rolle Autor_innenschaft darin spielt. Diese Verhältnisse stellen sich als Beziehungen dar, in denen Autor_innenschaft performt, dargestellt, präsentiert und repräsentiert wird.
Meine Auseinandersetzung spielt sich von dem Hintergrund der Prämisse ab, dass Performance immer eine gewisse Abhängigkeit zu anderen Medien, Körpern und Subjekten aufweist und dass diese als produktives Potential für künstlerische Auseinandersetzung fungiert. Das heißt auch, dass Performance-KünstlerInnen gewissermaßen immer schon an den Archiven mitarbeiten. Ich bestehe auf die Wechselwirkung von Text bzw. Archiven und Performances (siehe SELBST ÜBERSETZEN! Ein Performance Lesebuch zum Aufführen, 2009). Diese Wechselwirkung möchte ich als Aufeinander-Angewiesensein verstehen, und als Sich-durch-einander-Verstehen beschreiben (DIE ANWESENDE AUTORIN. Wer spricht in der Performance? 2011). Der Vortrag wird auf die beiden Publikationen Bezug nehmend einen Einblick in meine Arbeit und Thesen zu Textualität, Medialität und Autor_innenschaft von Performances geben.

Diskussion und Fragen

18.15 – 19.15: Responding: Dr. Harald Krämer, Kunst-/Medienwissenschaftler, Kurator, Zürich
 

19.15 – 20.15: Abendessen

20.15 – 20.45: Mio Chareteau, Abschluss (Dauer-)Performance
 

21.00 – 22.00: Live Performance

Julia Kläring / Andrea Salzmann, Künstlerinnen, Wien

37 Jahre zu spät.

Salzmann und Kläring laden Gäste und Geister zu einer Lecture-Show ins brut Konzerthaus. Gina Panes Aktion „Selbstportrait(s)“ steht dabei im Mittelpunkt ihrer Forschung. Diese Aktion fand am 11. Jänner 1973 in Paris statt und vereinte durch den radikalen Körpereinsatz der Künstlerin feministische Forderungen mit aktionistischem Ausdrucksmaterial: Sie legte sich auf ein Metallbett unter dem 15 Kerzen brannten, sie schnitt sich in die Finger und gurgelte solange mit Milch bis sich Blut mit Milch vermischte. Salzmann und Kläring haben diese Aktion leider verpasst, gerade deswegen interessiert es sie was an diesem Abend in Paris tatsächlich passiert ist. Die Fragen ob die damalige Gesellschaftskritik auch heute noch gültig ist und ob der schmerzhafte und erschöpfende Körpereinsatz der Künstlerin tatsächlich ein universelles Ausdrucksmittel darstellt, treiben die beiden in ihrer Suche voran. Denn sie wollen wissen: Was haben diese Selbstportrait(s) der Gina Pane mit uns zu tun?
In den drei vorausgegangenen Teilen von „37 Jahre zu spät“ bedienen sich Kläring und Salzmann unterschiedlicher Formate. Sie greifen öffentliche Sprechweisen auf indem sie eine Radioshow, eine Rede und ein Interview inszenieren. Die Selbstportrait(s) von Gina Pane sind für die gesamte Reihe Ausgangspunkt.
37 Years too late – The Radishow. Ein Hörspiel (FormContent, London. RadiaLX, Lissabon)
37 Years too late – The Speech. Lecture Performance (Kunstraum Niederösterreich, Wien)
37 Jahre zu spät – Das Interview. Performance (FLATZ Museum, Dornbirn)

Credits: „37 Jahre zu spät“ wurde unterstützt durch das  

ab 22.00 Bar und DJ San Remo

Vom 6. 10. – 8.10. eine literarische Begleitung von Brigitte Mauerhofer, Autorin, Basel
Dem Wort, der Schrift, dem Erzählen und dem Schreiben gebührt im Zusammenhang mit der Tradierung von ephemeren Ereignissen ein besonderer Stellenwert. Für die Überlieferung und Weiterschreibung – auch von künstlerischen Ereignissen – ist das Medium der Schrift und das Schreiben als Tätigkeit unverzichtbar. Ein schriftlich abgelegtes Zeugnis, ein Text bleibt dabei immer ein eigenständiges ästhetisches System, das sich als solches auf andere Kunst- und Medienformen beziehen und mit ihnen in eine gleichwertige Beziehung treten kann. Eine Beschränkung des Textes auf seine dokumentarischen und faktografischen Funktionen würde ihm nicht gerecht werden.
Bei der literarischen Begleitung der Performances interessiert mich folgendes:
Verschiedene Formen des Einfangens:

Unmittelbar:

Live-Kommentierung mittels Stimme: Sprech-Box während der Performance von ANNIS/EVRARD
Live-Kommentierung mittels Schrift: Ecriture automatique innerhalb der Performance von MAAG
Kurz nach dem Ereignis:

Nach-Kommentierung mittels Erzählen: Journalistisch gehaltene Interviews mit BesucherInnen der Performance von BUMA
Nach-Kommentierung mittels Schreiben: Literarische Impressionen, Berichte des Publikums über die Performance von KLÄRING/SALZMANN u.a.
Verschiedene Formen der schriftlichen Verarbeitung:

– Erstellen und Verfassen von Transkriptionen, Augenzeugenberichten, literarischen Impressionen, journalistischen Formaten u.a.
– Verfassen eines eigenständiges Textwerkes
Verschiedene Formen der Wiedergabe:

– Live-Lesung
– Publikation auf dem Netz/Blog: https://archivperformativ.wordpress.com/

Videoaufzeichnung und Fotografie:
Axel Töpfer,
Künstler, Basel und Luisa Genovese
Eine Motivation meiner Arbeit ist, durch eine präzise Arbeit am Bild (mittels bildimmanenter Erforschung seiner Herstellungs- und Präsentationstechniken) und dessen maximaler Ausschöpfung der Narrativität, den Betrachter auf einer sehr direkten Ebene zu erreichen, ohne einen theoretischen Überbau erforderlich zu machen: Der Betrachter ist auf sich selbst und seine Erinnerung, sein imaginäres Vermögen gestellt. Je präziser die Bilder komponiert und kombiniert sind, desto genauer lassen sie die eigentliche Mitteilung erfahren. Das Netzwerk Videoklub (Catania, Basel, New York, Berlin, Halle, Bukarest, Vancouver, Wien) gründete ich mit Kollegen der lokalen Gruppe Leipzig Das Gefummel das kann ich nicht leiden 2004. Videoklub ist der Versuch, über ein strenges Regelwerk den individuellen Ausdruck der Mitglieder zu fördern, Kriterien für die Bewertung von Bildfolgen zu entwickeln und über das Modell der Gruppenautorschaft das Selbstverständnis eines gegenseitigen Einflusses im künstlerischen Ausdruck zu verstärken. Jede künstlerische Arbeit sehe ich als Teil einer gemeinsamen Arbeit an der Intensität der Bildmitteilung. So wäre auch die Kunstgeschichte nicht als eine lineare Abfolge abgeschlossener Epochen zu verstehen, sondern als loses Konglomerat mehr oder weniger stark bearbeiteter Versuchsanordnungen: der Imagination der Betrachter zugewandt.

Organisation und Programm:
Forschungsteam archiv performativ: Pascale Grau (Leitung), Irene Müller und Margarit von Büren
Eine Zusammenarbeit des Institute for Cultural Studies in the Arts an der Zürcher Hochschule der Künste und der Kaserne Basel im Rahmen des SNF / DoRe Forschungsprojekts archiv performativ

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Über archivperformativ

archiv performativ: ein Modell: Ein Vermittlungs- und Ausstellungsprojekt von Performancekunst und ihren Artefakten im Ausstellungsraum Klingental, Kasernenstrasse 23, 4058 Basel / www.ausstellungsraum.ch Ausstellung vom 14. August bis 11. September 2011 Öffnungszeiten: Di. bis Fr. von 15 bis 18 Uhr, Sa. und So. von 11 bis 17 Uhr Der Ausstellungsraum dient rund zwanzig eingeladenen Künstler/innen, Kurator/innen, Forschenden, Dozierenden und ihren Student/innen aus dem In- und Ausland als Experimentierfeld, Forschungsstation und Aufenthaltsraum. Zentraler Aspekt dieser Anlage ist es, verschiedene methodische Zugänge und theoretische Ansätze im gegenseitigen Austausch der verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Felder zu erproben, zu diskutieren und in öffentlichen Veranstaltungen zu präsentieren – in gewisser Weise Forschung auch als performativen Vorgang zu betreiben. Öffentliche Präsentationen und Veranstaltungen: Freitag, 19. August, 26. August, 2. September und 9. September, jeweils um 18 Uhr Die Veranstaltungen am Ende jeder «Projektwoche» bieten die Gelegenheit, unmittelbar in die Forschungsarbeit Einblick zu nehmen und mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Das Spektrum reicht von Live-Performances über Filmvorführungen bis hin zu Vorträgen und moderierten Diskussionen. archivperformativ.wordpress.com/category/archiv-performativ-ein-modell/
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