Erzählender Bericht #6 zu Gaspard Buma

Performance von Gaspard Buma, 6. Oktober 2011
Ausstellungsraum Klingental, Basel CH (Recollecting the Act)
Interview: 7. Oktober 2011 (bm)
Transkription: 12. Oktober 2011 (dt)

„Jetzt muss ich auch dies noch erleben“

Bist du an eine Schweigepflicht gebunden?

PG: Nein.

Magst du darüber erzählen, was dir widerfahren ist, was passiert ist?

PG: Ich habe eigentlich eher ihm etwas widerfahren lassen.

Kannst du mir die Situation beschreiben? Du kamst…

PG: Ich kam direkt aus der Performance von Lindy Annis, rannte noch während des Applauses heraus. Ich wusste, dass ich eigentlich schon zu spät war für meinen Termin. Ich hatte um 22 Uhr den Termin und es war bereits fünf oder acht nach. Und draussen regnete es in Strömen. Dann konnte ich M. fragen, ob er mir seine Jacke geben würde. Dann hab ich mir diese über den Kopf gezogen und bin über den Hof… Und habe eigentlich eine Verpflichtung gespürt. Dass ich das eigentlich machen muss, war klar, dass ich jetzt auch noch diesen Weg gehe. Die Organisation mit ihm war sehr kompliziert und nervenaufreibend. Und ich wusste, jetzt gehe ich bis an den Schluss. Jetzt muss ich auch dies noch erleben.
Dann kam ich hinein. Die Tür stand offen. Dann schlossen wir die Türe ab. Er sagte dann: die Türe abschliessen. Das war klar. Das wusste man schon vorher.

Hast du sie abgeschlossen?

PG: Nein, ich hab das nicht hingekriegt. Irgendwie ging sie nie zu. Dann ging er hin und schloss sie ab. Dann war ein Tisch direkt neben dem Eingang, mit zwei Stühlen. Er gegenüber. Und eine kleine Lampe. Und ein Etui lag dort. Er setzte sich hin und dann… Ziemlich bald ist er… sagte ich: Ich komme zu spät, tut mir leid, aber 5 Minuten haben wir.
Dann sagte er, er wolle mit mir etwas machen, das er… ja… Er hätte hier einen Pinsel. Und…
Beim letzten Mal, bei der letzten Performance, die er hier am gleichen Ort machte, vor zwei Jahren, die ich auch gesehen hatte, wohnte er bei mir. Wir haben nach der Performance sehr viel darüber gesprochen. Und ich hatte einen grossen Widerspruch in mir drin, weil das, was er damals behauptete, sah ich nicht und glaubte ihm nicht.

Kannst du kurz über diese Performance berichten?

PS: Das war im Zusammenhang mit „Performance Saga“, die Katrin Grögel und Andrea Saemann organisiert haben. Er machte eine Performance, wo er zwei Räume baute. Einen Raum mit einem Tisch, auf dem er liegt, mit dem Körper. Und eine Wand dazwischen. Und auf der anderen Seite war der Kopf, quasi wie guillotiniert. Gleichzeitig gab es zwei Kameras, die quasi einen Live-Circuit machten, über Beamer, draussen. Über dem Kabäuschen waren die zwei Beamer-Projektionen, auf denen man einerseits den Raum mit dem Kopf und andererseits den Raum mit dem Körper sah. Als Publikum war man dazu eingeladen, hineinzugehen, entweder beim Kopf oder beim Körper. Und da gingen die Leute immer gleichzeitig hinein. Manchmal wusste man, wer am Kopf war und konnte sich absprechen. Es gab eine Belustigung für das Publikum, das draussen sah, was man jetzt mit ihm macht. Und kurz vorher ging jemand rein und hat eine Art Pferdeschwanz hineingelegt, als Element. Jemand ging mit einer Zeitung rein.

Das war erlaubt, Objekte mitreinzunehmen?

PG: Ich weiss nicht. Es war einfach so. Jedenfalls war ein Schweif mit Pferdehaaren vorhanden. Und ich begann… Er lag auf dem Rücken, nackt. Und ich habe mich noch gefragt, ob er friert, denn es war nicht so warm. Dann dachte ich: der Arme und so. Und dann habe ich den Körper mit diesem Ding… ganz fein. Weil, ich habe ihm schon nicht geglaubt… Er hat behauptet, dass er Kopf und Körper total voneinander trennen könne. Und ich fand diese Anlage total merkwürdig und fragte mich: Wieso wird das behauptet? Man will doch eher das Gegenteil behaupten: dass es einen Zusammenhang hat und nie trennbar ist.
Da fand ich: Wart du nur; ich kitzle dich jetzt und schaue dann! Und ich wusste nicht, glaube ich, wer am Kopf war, wusste ich nicht. Jedenfalls drehte er sich ziemlich schnell um. Dann war ich etwas frustriert. Und: Jaja, das ist ein Witz, er hält es nicht aus und dreht sich. Danach haben wir darüber gesprochen.
Und dieses Mal sagte er, dieses Mal würde er sich nicht umdrehen. Er hatte einen kleinen Pinsel, improvisiert, und fragte, ob ich dies mit dem Pinsel nachholen möchte. Er würde sich dieses Mal nicht umdrehen. Ich fand: gut, also. Dann ging man in diesen Performance-Raum. Und dort hatte es wieder ein Bett, wo er sich auszog und hinlegte. Über die Füsse nahm er eine Decke. Und zog eine Augenbinde an. Und auf dem Tischen waren noch so Gerätschaften. Und ich sah sofort: das ist ein Zitat an Marina Abramovic. Verschiedene Gerätschaften und du kannst damit machen, was du willst. Respektive eben nicht. Weil er hat dich ja bereits diszipliniert, indem er dich vorne schon aufhielt und eigentlich er es war, der sagte, was er mit dir machen möchte. Er hat schon verschiedene Disziplinierungsstufen eingebaut.
Er machte eigentlich ein Reenactement, bei dem er nicht wirklich auf den Inhalt einging, nämlich diese Gefährlichkeit und diese Ausgesetztheit, hat er eigenlich gar nicht… Er hat nur das Bild reproduziert. Jedenfalls… Ich habe nicht viel darüber nachgedacht, weil ich wusste, dass ich nur 5 Minuten hatte.
Und dann kam mir in den Sinn, dass es eine Übung gibt, bei der man der Mittellinie eines Körper entlangfährt. Auf dem Mittelmeridian, der Körper und Geist verbindet. Ja, Körper und Geist verbindet. Und da lag noch eine Eutra-Fett-Dose. Da fand ich, dieser Pinsel, der ist so nichtig, ich muss dem noch ein bisschen mehr ’sensation‘ geben. Ich ging fleissig in dieses Eutrafett und fuhr ihm von da, von der Nase an, der Mittellinie entlang nach unten, sagte dann, du kannst dich umdrehen, und dann hintenrum, den Rücken hoch und wieder nach unten… und sagte: Das wars, danke! Und dann ging ich.
Also, ich wurde gleichzeitig aktiv. Er hat aber am Anfang die Disziplinierungsstufen oder das, was er hingelegt hat, vorgegeben.

Da war vorher schon eine Geschichte. Ihr kennt euch schon lange?

PG: Ja, genau. Es ist ein Dialog. Wir kennen uns schohn lange. Er war Schüler von mir.
Und ich habe ihn mehrmals auch veranstaltet.

Vielen Dank!

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Über archivperformativ

archiv performativ: ein Modell: Ein Vermittlungs- und Ausstellungsprojekt von Performancekunst und ihren Artefakten im Ausstellungsraum Klingental, Kasernenstrasse 23, 4058 Basel / www.ausstellungsraum.ch Ausstellung vom 14. August bis 11. September 2011 Öffnungszeiten: Di. bis Fr. von 15 bis 18 Uhr, Sa. und So. von 11 bis 17 Uhr Der Ausstellungsraum dient rund zwanzig eingeladenen Künstler/innen, Kurator/innen, Forschenden, Dozierenden und ihren Student/innen aus dem In- und Ausland als Experimentierfeld, Forschungsstation und Aufenthaltsraum. Zentraler Aspekt dieser Anlage ist es, verschiedene methodische Zugänge und theoretische Ansätze im gegenseitigen Austausch der verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Felder zu erproben, zu diskutieren und in öffentlichen Veranstaltungen zu präsentieren – in gewisser Weise Forschung auch als performativen Vorgang zu betreiben. Öffentliche Präsentationen und Veranstaltungen: Freitag, 19. August, 26. August, 2. September und 9. September, jeweils um 18 Uhr Die Veranstaltungen am Ende jeder «Projektwoche» bieten die Gelegenheit, unmittelbar in die Forschungsarbeit Einblick zu nehmen und mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Das Spektrum reicht von Live-Performances über Filmvorführungen bis hin zu Vorträgen und moderierten Diskussionen. archivperformativ.wordpress.com/category/archiv-performativ-ein-modell/
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