Textstück von Brigitte Mauerhofer zu Mio Chareteau

„DAY -1“. Performance/Installation von Mio Chareteau
8. Oktober 2011, Tagung „Recollecting the Act“ in der Kaserne Basel

Writing von Brigitte Mauerhofer, Basel, 8. Oktober 2011

KEIN DURCHGANG liest man auf dem Schild vor dem Ausgang
Ein Hinweis, eine Aufforderung, Halt zu machen
zuhinterst in der Ecke des Rossstalls
kniet eine Frau, zwischen 20 und 30, auf dem Boden,
spricht mit gedämpfter Stimme französische Zahlen in ein Headset,
das ihr links ums Ohr, den Hals, nahe des Kinns bügelt.
Sie kniet und spricht
Sekunde um Sekunde um Sekunde
präzise getaktet
quaranteetun, quarantedeux, quarantetrois…

Rechts neben ihr liegt ein Metallstab.
Minute um Minute um Minute
präzise getaktet
schreibt die Frau mit Kreide eine Zahl auf den Metallstab.
Die letzte ist die 31.

Von Zeit zu Zeit ein Wechsel der Sitzposition.
Die Arme über das linke Knie verschränkt.
Jeans, schwarze Schuhe, dunkles, langärmliges Shirt mit V-Ausschnitt.
Nun rechtes Knie am Boden, linkes Knie am Kauern.
Sie blickt zu Boden.
Asiatisch wirkende Gesichtszüge.
Passen sie zu Wörtern wie Demut? Konzentration? Stille?

Sieben schwarze nackte Lautsprecherrondellen
stehen in Reih und Glied auf Metallständern
gesockelt auf quadratischen Metallflächen.
Ihre Öffnungen offenbaren sich auf gleicher Höhe wie Münder, Ohren, Hälse der Zuhörenden, der Hingehenden, der Neugierigen. Ein Mann beugt sich nach unten, hält sein Ohr hin, eine Frau steht bequem davor und schaut frontal hinein. Wer lauscht wem zu?

Man hört eine Lautsprecherrondellenparade.
Rollende Zahlenreihen
aus jeder Rondelle
eine andere
im Gleichrhythmus
leicht verschoben
47, 48, 49, 50, 51
32, 33, 34, 35
7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14
44, 45, 46, 47, 48
25, 26, 27, 28, 29, 30, 31
12, 13, 14, 15, 16, 17, 18
57, 58, 59, 60, 1, 2, 3, 4, 5, 6

Nie über 60 hinausgehend und immer wieder bei 1 beginnend,
während die Lautstärke zu oder abnimmt
inzwischen auf beiden Beinen kniend.

7 Ständer sind angekabelt
Vom Achten bleibt der Sockel und der Zahlenstab.
Er lässt sich von der Sprecherin beschreiben.
Nach jeder Minute mit der nächstfolgenden Zahl.

Eine strenge Anlegeordnung.

Die achte Rondelle liegt auf dem Boden, abgeschnitten vom Strom des Tons.
Sieben Kabel fliessen zu einem Strang zusammen, werden zu einer kleinen weissen Box geleitet.
Der Apfel des Computers leuchtet hell auf zwei Transportkoffern liegend
diskret versteckt
diskret auch die Stimmen. Murmeln.
Der Tisch, die Bänke, zuvor noch leer, füllen sich nach und nach.
17 Leute ruhen, lauschen, unterhalten sich gedämpft.

Kaum Getränkegläser,
ein Ort der Ruhe.
Der Kameramann auf Lauer, kauert in der Ecke und filmt die Frau,
die in unbewegter Pose weiterspricht.

Diskret erhöht sich die Lautstärke.
Verwobene Zahlenreihen.
Kein Schichten, Auftürmen, Aufbegehren, Zusammenbrechen.
Keine Wogen, die es zu glätten gibt.

Weitere Neugierge kommen hinzu.

Stille.
Die Frau steckt den Stecker aus,
montiert den Zahlenstab auf den achten Sockel,
montiert die achten Lautsprecherrondelle auf den Zahlenstab,
Die Lautsprecherrondellenparade ist komplett.
Im Hintergrund hantiert die Frau an einem kleinen Silbergerät, das dort die ganze Zeit unbemerkt lag.

Ein neuer Klang stimmt ein, wird lauter.
Durch das KEIN DURCHGANG-Tor verlässt eine Frau den Raum.
Applaus.
Sie kommt hinein, verbeugt sich
diskret, zurückhaltend
und lächelt.

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Über archivperformativ

archiv performativ: ein Modell: Ein Vermittlungs- und Ausstellungsprojekt von Performancekunst und ihren Artefakten im Ausstellungsraum Klingental, Kasernenstrasse 23, 4058 Basel / www.ausstellungsraum.ch Ausstellung vom 14. August bis 11. September 2011 Öffnungszeiten: Di. bis Fr. von 15 bis 18 Uhr, Sa. und So. von 11 bis 17 Uhr Der Ausstellungsraum dient rund zwanzig eingeladenen Künstler/innen, Kurator/innen, Forschenden, Dozierenden und ihren Student/innen aus dem In- und Ausland als Experimentierfeld, Forschungsstation und Aufenthaltsraum. Zentraler Aspekt dieser Anlage ist es, verschiedene methodische Zugänge und theoretische Ansätze im gegenseitigen Austausch der verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Felder zu erproben, zu diskutieren und in öffentlichen Veranstaltungen zu präsentieren – in gewisser Weise Forschung auch als performativen Vorgang zu betreiben. Öffentliche Präsentationen und Veranstaltungen: Freitag, 19. August, 26. August, 2. September und 9. September, jeweils um 18 Uhr Die Veranstaltungen am Ende jeder «Projektwoche» bieten die Gelegenheit, unmittelbar in die Forschungsarbeit Einblick zu nehmen und mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Das Spektrum reicht von Live-Performances über Filmvorführungen bis hin zu Vorträgen und moderierten Diskussionen. archivperformativ.wordpress.com/category/archiv-performativ-ein-modell/
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